Nachlese zur Frankfurter Buchmesse

Im Rahmen eines threads via twitter hatten wir Book_Fair als Veranstalterin der weltweit größten Buchmesse am 15.10.2018 mit einer Reihe kritischer Fragen konfrontiert.

Dies war der Fragenkatalog:

Diese Fragen wurden, was uns nicht weiter überraschte, von der Veranstalterin der Frankfurter Buchmesse GmbH bzw. Book_Fair ignoriert. Anlässlich dieses auffälligen Schweigens haben wir uns mit den Fragen im Rahmen einer Nachlese befasst und selbst nach Antworten gesucht. Dazu haben wir uns auch durch die Teilnahmebedingungen zur Anmeldung auf der Frankfurter Buchmesse gelesen. [1]

Wir beginnen mit Frage 1.

1. @Book_Fair: Wie ist die Anzahl von nur 2 rechtsextremen Verlagen zustande gekommen, wie die Pressesprecherin noch zu Beginn der Buchmesse behauptet hat?

Diese Frage bezieht sich auf einen Artikel in der FR vom 28.09.2018. [2] In diesem war zu lesen, dass die Pressesprecherin zwei rechtsextreme Verlage genannt hatte, die an der Buchmesse teilnehmen würden.

Diese Aussage entsprach allerdings nicht der Wahrheit, denn die Buchmesse hatte zu diesem Zeitpunkt bereits für 3 rechte/rechtsextreme Verlage/Organisationen Standplätze in Halle 4.1 R2 und R3 vorgesehen. Hierbei handelte es sich um abgegrenzte Standflächen.

Das betraf die „neu“rechte Wochenzeitung Junge Freiheit (JF) in Halle 4.1 R3,
CATO Halle 4.1 R2 und
die Förderstiftung Konservative Bildung und Forschung (FKBF) zu der die Bibliothek des Konservatismus( BdK) gehört, ein Zentrum „neuer“ Rechter mit Sitz in Berlin, Halle 4.1 R3.

Zusätzlich hatte die Buchmesse drei weitere rechtsextreme Verlage in Halle 4.1. untergebracht
den antisemitischen Ahriman-Verlag in Reihe D85,
den Karolinger-Verlag in Reihe E17
sowie Manuscriptum mit TUMULT als Mitaussteller in Reihe N5.

Daraus folgt, die Buchmesse hatte zu diesem Zeitpunkt bereits 6 (+ 1 Mitaussteller) Verlage/Orgas in Halle 4.1. untergebracht und damit räumlich abgetrennt.

Daraus lässt sich schließen, dass die Angaben der Pressesprecherin der Buchmesse nicht den Tatsachen entsprechen konnten.

Zu diesem Zeitpunkt muss der Veranstalterin bereits bekannt gewesen sein, dass der Antaios Verlag und damit Götz Kubitschek und Ellen Kositza als Mitausteller des Loci Verlages ebenfalls auf der Buchmesse präsent sein würden, womit sich die Anzahl noch einmal erhöht.

2. @Book_Fair: Recherchiert die Veranstalterin der weltgrößten Buchmesse überhaupt? Hat sie einen Überblick über teilnehmende rechte/rechtsextreme/antisemtische/antifeministische/rassistische Verlage? Wenn nein, warum nicht? Wenn ja, warum werden fehlerhafte Angaben verbreitet?

Ob die Veranstalterin, die Buchmesse Frankfurt GmbH, recherchiert, wissen wir nicht.
Allerdings gab es im Vorfeld durchaus kritische und mahnende Stimmen, wie z.B. die Amadeo Antonio Stiftung, die vor der Wiederholung von Fehlern der Vergangenheit im Umgang mit rechtsextremen Verlagen gewarnt hatte.
Belltower News hatte recherchiert und über rechte/rechtsextreme Verlage/Vereine und menschenverachtende Organisationen als Aussteller informiert.[3] Auf diese Informationen hätte die Veranstalterin zurückgreifen können, hätte sie es gewollt.
Auch B. Kramer hatte der Veranstalterin im Vorfeld Informationen zukommen lassen [4]. Auch auf diese Infos hätte zugegriffen werden können. Stattdessen hüllte sich die Veranstalterin in Schweigen.

Warum die Veranstalterin durch die Pressesprecherin fehlerhafte Angaben verbreiten ließ, darüber kann spekuliert werden.
Wir gehen allerdings davon aus, dass die Buchmesse kein Interesse an einer medialen Aufmerksamkeit hatte, wie dies im letzten Jahr der Fall war. Außerdem hatte sich die Veranstalterin bereits im Vorfeld auf das uneingeschränkte Ja zur Meinungsfreiheit festgelegt und die Antwort auf die Charta 2017 [5] zeigt, dass dieses „JA“ auch für rechte und rechtsextreme Verlage/Vereine als Aussteller Anwendung finden würde.

3. @Book_Fair: Kann die Veranstalterin überhaupt die Sicherheit von Menschen, von Frauen, von Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus, Transfeindlichkeit Betroffenen oder von Homosexuellen … auf der Buchmesse gewährleisten? Und wenn ja, wie? Und wenn nein, warum nicht?

Diese Fragen müsste die Veranstalterin, würde sie sich äußern und wäre sie ehrlich, mit einem Nein beantworten.

Mit dieser Frage soll und muss sie sich aber befassen, zumal sie Rechten und Rechtsextremen bzw. auch Faschisten, wie Björn Höcke, Raum und Möglichkeiten zur Weiterverbreitung menschenverachtender und völkischer Ideologie zur Verfügung stellt.

Unter diesem Aspekt kommt der Veranstalterin eine ganz besondere Fürsorgepflicht für die oben genannte Personengruppe zu. Jetzt müsste sie sich ihrer Verantwortung stellen.

Im letzten Jahr (2017) wurden mind. zwei Personen körperlich von Nazis oder Security auf der Buchmesse attackiert und verletzt. Antifaschitische oder linke Frauen berichteten zusätzlich in den sozialen Medien, sie seien verfolgt, bedrängt und bedroht worden und das auf der Buchmesse, einem öffentlichen Raum, am hellichten Tag.

Auch in diesem Jahr hat es mindestens zwei Vorfälle gegeben. So teilte der Heyne Verlag u.a. via twitter mit, dass die Autogrammstunde von Anna nicht stattfinden könne, da diese sich nicht mehr sicher auf der Buchmesse fühle. [6] [7]

Eine weitere Autorin und Redakteurin berichtete via Twitter und ausführlicher in ihrem Blog von übergriffigem und bedrohlichem Verhalten durch Polizisten, denn sie hatte es gewagt beim Eintreffen des Faschisten Björn Höcke (AfD), „Scheiß Nazi“ zu rufen.[8]

Zusätzlich betroffen war auch die Redakteurin, Autorin und Expertin für intersektionellen Feminismus Ash Kay. Im Anschluss an eine Veranstaltung auf der Buchmesse, an der sie teilgenommen hatte, wurde sie via Twitter gestalkt, gemobbt und bedroht. Es wurde ihr sogar nahegelegt Selbstmord zu begehen. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt twittert sie mit einem geschützten Account.

Hierbei handelt es sich nur um veröffentlichte Fälle. Wie hoch die „Dunkelziffer“ gewesen sein mag, auch darüber kann nur spekuliert werden.

4. @Book_Fair: Rechtsextreme Verlage verfügen offensichtlich über ein eigenes Security-Team. Werden diese überhaupt überprüft? Wie kann sichergestellt werden, dass rechtsextreme Verlage nicht von einem Nazitrupp bzw. einem Nazi-Sicherheitsdienst „geschützt“ werden?

Für die Beantwortung dieser Frage müssen Absatz 16 und 17 der Teilnahmebedingungen berücksichtigt werden.

[9]

So sieht die Buchmesse vor, dass die Standbewachung und –beaufsichtigung generell Sache des Ausstellers ist, wie es in Abs. 17 zu lesen ist.

[10]

Für Aussteller und Aufsteller müssen Ausstellerausweise bestellt werden. Das schließt offensichtlich auch das eingestellte Sichherheitspersonal ein.
Wir gehen davon aus, dass eine Sicherheitsüberprüfung nicht stattfindet und es demzufolge nicht auszuschließen ist, dass Nazis als Security eingestellt werden können und diese dann ebenfalls Ausstellerausweise erhalten und für Betroffene zur Gefahr werden können.

5. @Book_Fair: Wieso wurden viele rechte/rechtsextreme Veranstaltungen erst im Laufe der Buchmesse in ebenso rechten/rechtsextremen Medien angekündigt und sind nicht im offiziellen Veranstaltungsverzeichnis aufgeführt?

Die Teilnahmebedingungen sehen vor (Absatz 18.5), dass Empfänge, Vorträge, Pressekonferenzen, Ausstellerabende auf dem Messegelände nicht ohne schriftliche Zustimmung des Veranstalters gestattet sind. [11]

Es ist also davon auszugehen, dass die Veranstalterin der weltgrößten Buchmesse im Vorfeld von allen rechten/rechtsextremen Veranstaltungen Kenntnis hatte. Ob die Veranstaltungen wie z.B. Lesungen, Diskussionsrunden, Signierstunden… im Veranstaltungsverzeichnis der Buchmesse aufgeführt werden oder dies müssen, geht nicht aus den Teilnahmebedingungen hervor.

6. @Book_Fair: Wie war es möglich, dass ein winzigkleiner Verlag, wie der Loci Verlag, der nur eine einzige Broschüre (Homestory über Kubitschek/Kositza) anbietet, gleich zwei Stände anmieten kann?

Jede Organisation, jeder Verlag, der die Voraussetzungen zur Teilnahme an der Buchmesse erfüllt, kann sich mit einem Stand anmelden. Mitaussteller müssen sich lediglich anmelden. Auch für Mitaussteller gelten die üblichen Bedingungen. Es ist davon auszugehen, auch wegen der notwendigen Ausstellerausweise, dass die Buchmesse Kenntnis hatte, dass Götz Kubitschek und Ellen Kositza und damit der Antaios Verlag als Mitausteller auf der Messe präsent sein werden.

Jeder Verlag/Verein kann also aus einer Vielzahl von Möglichkeiten auswählen. Angefangen vom kleinen Systemstand von ca 4 qm bis zum Systemstand Deluxe oder einem Eigenbau von bis zu 100 qm ist auf der Buchmesse alles möglich, sofern die baurechtlichen Bestimmungen eingehalten werden.

Der Loci-Verlag und als Mitaussteller der Antaios Verlag konnten, wie alle anderen Teilnehmenden auch, aus diesen Möglichkeiten wählen.

7. @Book_Fair: Wieso erhielt ein Faschist wie Björn Höcke Zugang zur Buchmesse, während zur selben Zeit Menschen, die auf Barrierefreiheit angewiesen sind, sich nicht fort- oder irgendwo hinbewegen konnten, weil die Polizei diverse Zugänge versperrte?

Wie wird dies zukünftig gehandhabt?

Da Veranstaltungen angemeldet werden müssen, war der Veranstalterin die Teilnahme von Björn Höcke im Vorfeld bekannt. Ob und wieviel Einfluss die Veranstalterin auf die polizeilichen Maßnahmen während der Buchmesse hatte, ist uns nicht bekannt.

8. @Book_Fair: Wieso beantwortet die Veranstalterin der weltgrößten Buchmesse keine meiner/unserer kritischen Fragen?

Diese Frage hatte lediglich rhetorischen Charakter und sollte das Schweigen der Veranstalterin auf kritische Fragen hervorheben. Es war uns von Anfang bewusst, dass wir keine Antwort erhalten werden.

Abschließende Betrachtungen

Für die Veranstalterin Book_Fair ist die jährliche Buchmesse ein gewinneinbringendes Geschäft. Unter diesem Aspekt hat sie in diesem Jahr vieles richtig gemacht. Denn trotz Präsenz von insgesamt 20 rechtsgerichteten und menschenverachtenden Verlagen/Vereinen [12], darunter auch rechtsextreme Verlage, ist es ihr gelungen eine gute Medienpräsenz zu erlangen.

Einigen teilnehmenden rechten/rechtsextremen Verlagen, die in Halle 4.1 untergebracht waren, mag diese „Stigmatisierung“ nicht gefallen haben, aber letzten Endes konnten auch sie sich erfolgreich darstellen und relativ ungestört ihre Veranstaltungen durchführen.

Götz Kubitschek und Ellen Kositza waren als Mitaussteller auf der Buchmesse vertreten und nicht in einem abtrennten Raum. Kubitschek, der noch am 09.10. in einer Pressemitteilung den Verkauf des Antaios Verlages an den Loci-Verlag angekündigt hatte, ein Fake wie sich zeigte, hatte ebenfalls seine mediale Aufmerksamkeit. Noch während der Buchmesse, am 13.10., erschien in der NZZ am Sonntag [13], eine weitere Homestory über Kubitschek, als einflussreichster Intellektueller der rechtspopulistischen Bewegung in Deutschland (O-Ton).

Unter diesen Aspekten ist für beide Parteien eine win-win-Situation entstanden, denn keine der beiden hat die Schlagzeile erhalten, die notwendig gewesen wäre, um eine kritische Auseinandersetzung, eine kritische Nachbereitung, anzustoßen.

Abschließend lässt sich hier zusammenfassen, es fehlte der kritische Blick aufs Ganze. Denn auch wenn einige rechte/rechtsextreme Verlage auf der Frankfurter Buchmesse abgegrenzt worden sind, so hatten sie doch, wenn auch unter erschwerten Bedingungen, Raum und die Möglichkeit menschenverachtende und völkische Ideologie weiter zu tragen und damit zu schüren, zu hetzen und zu zündeln. Für die anderen Verlage/Vereine, die unerwähnt blieben, galt das übliche Tagesgeschäft.

Dass ein derartig fahrlässiger Umgang mit Rechten und Rechtsextemen Auswirkungen haben dürfte, das wurde ganz einfach geflissentlich ignoriert. Auch hier mangelte es an kritischer Berichterstattung, an kritischem Gegenwind.

Und damit wäre über die diesjährige Frankfurter Buchmesse so ziemlich alles gesagt.

Quellen:

[1] https://www.buchmesse.de/files/media/pdf/FBM_2019_Formular_Aussteller_Systemstand_DE.pdf, zuletzt abgerufen am 16.10.2018, Teilnahmebedingungen ab S. 4

[2] http://www.fr.de/frankfurt/frankfurter-buchmesse-warnung-vor-rechten-provokationen-auf-der-buchmesse-a-1590710, zuletzt abgerufen am 16.10.2018

[3] http://www.belltower.news/artikel/frankfurter-buchmesse-drei-rechte-verlage-14338, zuletzt abgerufen am 17.10.2018

[4] http://bkramer.blogsport.eu/2018/08/14/ueber-die-frankfurter-buchmesse-2018-eine-zusammenstellung-von-informationen/, zuletzt abgerufen am 17.10.2018

[5] http://bkramer.blogsport.eu/2017/11/11/charta-2017/, zuletzt abgerufen am 17.10.2018

[6] https://twitter.com/HeyneVerlag/status/1050790636813717505, zuletzt abgerufen am 17.10.2018

[7] http://www.fr.de/kultur/buchmesse-frankfurt/buchmesse-vor-ort/buchmesse-frankfurt-anna-todd-sagt-autogrammstunde-aus-angst-ab-a-1601130, zuletzt abgerufen am 17.10.2018

[8] https://sophiesumburane.com/2018/10/15/keine-raeume-den-rechten-auf-der-frankfurter-buchmesse-und-ueberall/, zuletzt abgerufen am 17.10.2018

[9] https://www.buchmesse.de/files/media/pdf/FBM_2019_Formular_Aussteller_Systemstand_DE.pdf, S. DE10

[10] https://www.buchmesse.de/files/media/pdf/FBM_2019_Formular_Aussteller_Systemstand_DE.pdf, S. DE10

[11] https://www.buchmesse.de/files/media/pdf/FBM_2019_Formular_Aussteller_Systemstand_DE.pdf, Absatz 18.5, S. DE10

[12] http://bkramer.blogsport.eu/2018/08/14/ueber-die-frankfurter-buchmesse-2018-eine-zusammenstellung-von-informationen/, zuletzt abgerufen am 16.10.2018

[13] https://nzzas.nzz.ch/international/afd-goetz-kubitschek-zu-besuch-beim-vordenker-ld.1428062?reduced=true, zuletzt abgerufen am 17.10.2018

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